Fragen und Antworten zum Artikel

Allgegenwärtiges Bewusstsein und Freier Wille

von Claus Janew

- Ein Digest der Leserpost -

 

 

Herr Janew, zu Ihren sehr interessanten logischen und theoretischen Ausführungen gibt es, denke ich, mittlerweile Entsprechungen in den nachmechanistischen Wissenschaften, z. B. die Theorie der morphogenetischen Felder von Rupert Sheldrake oder das Nullpunkts-Energiefeld nach Erwin Laszlo – plausible Erklärungen für bisher ungelöste Rätsel in der Biologie und Physik. Was halten Sie davon?

 

Sie haben recht, es gibt naturwissenschaftliche Phänomene, die uns deutlicher auf einige beschriebene Zusammenhänge stoßen als die alltägliche Erfahrung. Doch ich halte es für wenig sinnvoll, das Alltägliche grundsätzlich auf physikalische oder biologische Relationen zu stützen, da auch diese nur Erscheinungsformen von allgemeineren logischen Mustern darstellen. Das heißt natürlich keineswegs, dass diese Logik nicht auch in anderen Begriffen beschrieben werden könnte, in denen sie wiederum andere Seiten offenbart. Für die Infinitesimalstruktur habe ich allerdings noch keine alternative Beschreibung gefunden. Die meisten Naturwissenschaftler und Philosophen scheinen lieber einen Bogen um die letzten Konsequenzen ihrer Erkenntnisse zu machen, als so etwas "Esoterisches" wie allgegenwärtiges Bewusstsein zu postulieren. Deshalb können sie auch reale Willensfreiheit nicht erklären.

 

 

Wie erklären Sie die Trennung der individuellen Bewusstseinswelten voneinander? Es ist doch ein ziemliches Rätsel, dass wir nicht alle telepathisch miteinander vernetzt sind. Wir wären auch nicht willensfrei, wenn wir ein gemeinsames Bewusstsein hätten, wie wir etwa einen gemeinsamen Raum – trotz unterschiedlicher Perspektiven - haben.

 

Sie sprechen zwei wichtige Punkte an, auf die ich in dem Artikel der Kürze halber nicht eingegangen bin: Die Zusammenarbeit von Bewusstsein und Unterbewusstsein und die intersubjektive Kommunikation. Beides sind umfangreiche Themen, die ich ausführlich in meinem Buch Die Erschaffung der Realität behandle. Hier kann ich nur Hinweise geben:

Wenn jemand eine starke Trennung der Bewusstseinswelten erlebt, bedeutet dies noch nicht, dass eine solche Trennung grundsätzlich besteht. Es gibt Menschen, die sich der Einheit allen Bewusstseins viel stärker gewahr sind als Sie und ich zusammen. Die Frage müsste eher lauten, warum wir uns ihr nicht bewusst sind. Ohne ins Esoterische zu gehen, weiß jeder Psychologe um die unterbewusste Signalübermittlung und somit die Koordination der Erfahrungswelten bei allen Interaktionen mit der Umgebung. Hinzu kommt eine vorausschauende Selbstzensur abweichenden Erlebens - wir passen uns einander an. Es geht also um Ebenen der Bewusstheit bzw. Unterbewusstheit, letztlich unendlich viele. Deren Trennung kann zwar nur relativ sein, aber immerhin so, dass uns beispielsweise - wieder in Anlehnung an die konventionelle Psychologie - unterbewusst ausgelöste Ereignisse wie Zufälle erscheinen.

Andererseits unterscheiden sich unsere individuellen Bewusstseinswelten noch weit mehr als Raumperspektiven. Ja, eine wirklich gemeinsame Realität kann es gar nicht geben! Daher ist auch individuelle Entscheidungsfreiheit kein grundsätzliches Problem. Dennoch müssen wir unsere Entscheidungen mit denen anderer Individuen und unserem Unterbewusstsein abstimmen. Da nun beide in umfassendstem Sinn ein Teil unserer selbst sind - anderen Aspekten des allumfassenden Bewusstseins zugeordnet - tragen wir in diesem Sinn auch die volle Verantwortung für unsere "objektiven", oft durchaus sinnvollen Beschränkungen. Wenn wir sie auflösen wollen, müssen wir uns selbst öffnen. Dies mag ein langwieriger Lernprozess sein, denn einer bewusster vernetzten Welt muss man persönlich erst einmal gewachsen sein. Doch es ist der Weg, auf dem wir uns alle in kleineren oder größeren Kurven bewegen.

 

 

Eigentlich ist es doch vollkommen egal, ob freier Wille existiert oder nicht, wenn es nicht unendlich viele Möglichkeiten gibt. Denn bei endlichen Möglichkeiten wird jede Entscheidung, die es angeblich gibt, irgendwann einmal getroffen, wenn nicht in diesem Universum, dann vielleicht nach dem nächsten Urknall oder eben später. Und kann man Wahrscheinlichkeiten, die irgendwann ohnehin eintreffen, als freien Willen bezeichnen?

 

Die umfassendere Bedeutung des freien Willens - also nicht nur im Rahmen meiner kleinen Welt - hängt tatsächlich davon ab, ob die Welt unendlich ist oder irgendwie begrenzt. Doch eine Grenze impliziert sofort die Möglichkeit ihrer Überschreitung. Wir sollten daher nicht zu sehr an der gegenwärtig - z. B. von der Physik - fassbaren Realität kleben. Wir selbst reichen weit darüber hinaus. Die physikalisch fundierten Wissenschaften können die Geheimnisse des Geistes bislang nicht annähernd erfassen. Jede Behauptung, sie würden es in Zukunft, ist reine Spekulation. Die Physik selbst könnte in diesem Fall nicht mehr die heutige sein.

Allerdings, auch in einem unendlichen Universum dürften die uns verfügbaren (wahrscheinlichen, wählbaren) Möglichkeiten bereits innerhalb eines endlichen Ausschnittes realisiert sein. Diese Frage kann ich in der Kürze kaum zufriedenstellend beantworten. Aber denken Sie doch einmal darüber nach, dass jede gewählte Realität nicht nur aus einem fest umrissenen Ereignis besteht, sondern auch aus einer ganzen Hierarchie alternativer Ereignisse im Hintergrund, eben jenen, die wir nicht gewählt haben, die aber keineswegs ausgelöscht, sondern nur abgeschwächt sind. Hier reicht nicht einmal das quantenphysikalische Viele-Welten-Modell aus, so wie auch dessen Erklärung des freien Willens durch Zufallsereignisse nichts als Zufall erklärt.

 

 

Sind für Sie "Wirklichkeit" und "Realität" identische Begriffe? Was bedeuten für Sie „Wahrnehmung“, „Erfahrung“ und „Erleben“?

 

Ja, ich unterscheide nicht zwischen Realität und Wirklichkeit. Ich bevorzuge aber bewusst den Begriff „Realität“, um - nach üblichem Verständnis - klarzumachen, dass es mir nicht um oberflächliche Wahrnehmungen geht, sondern um die fundamentalsten Begriffe, zu deren Begreifen wir fähig sind.

Auch unterscheide ich nicht streng zwischen Erleben und Erfahrung, es sei denn, Sie meinen Erfahrung als Integration des bereits Erlebten. Wahrnehmung, Erleben, Erfahrung verstehe ich als - relativ diffuse - Aspekte dessen, was ich mit "Gewahrsein" meine. Das ist allerdings ein komplexer Begriff, der weit über die üblichen phänomenologischen Begriffsschemata hinaus geht. Der Artikel Das Selbst ... deutet dies nur an.

 

 

Schon Sigmund Freud hatte seine Zweifel am freien Willen, nachdem er einmal einen Hypnotisierten beobachtet hatte, der genau das tat, was man ihm zuvor unter der Hypnose befohlen hatte. Dabei fand der Hypnotisierte für alle seine Entscheidungen eine für ihn selbst recht plausible Erklärung – weil er die psychologische Notwendigkeit empfand, sich selbst seine Handlungen als freie Willenshandlungen erklären zu können.

 

Ich meine auch, dass wir innere oder äußere Impulse oft nur schwer von freien Entscheidungen trennen können, ja es liegt in der Natur des Bewusstseins allgemein, dass dies letztlich unmöglich wird. Doch dies ist kein Grund, den freien Anteil des jeweiligen Bewusstseins an allen Entscheidungen zu leugnen, sogar an solchen, die ihm in Hypnose vorgegeben wurden und die es im Nachhinein falsch interpretiert. Im Übrigen hypnotisieren wir uns mit Vorliebe selbst, indem wir uns immer wieder an bereits gemachten Erfahrungen ausrichten.

 

 

Ich kann mir unter Ihrer "allgegenwärtigen Infinitesimalstruktur" spontan nicht viel vorstellen. Könnten Sie dafür auch ein deutsches Wort finden?

 

"Infinitesimalstruktur" ist wirklich das einzige passende Wort, das mir dazu einfiel. Um zu erfahren, was damit gemeint ist, muss man natürlich die Erklärung lesen und wird auch dann - das liegt in der Natur der Sache - eher intuitiv, nicht spontan, verstehen, dass sie unsere ganze Wahrnehmung bzw. Wirklichkeit durchzieht. Das ist ja z. B. auch bei den "morphogenetischen Feldern" so, und bei der Infinitesimalstruktur haben wir es mit einem Begriff zu tun, der ein ganzes Stück über diese Felder hinausgeht, da er die Entscheidungsfreiheit jeder Erscheinungsform gewährleistet und nicht nur zulässt.

 

 

Die Frage nach der freien Entscheidung ist für mich wie eine Welle auf der Unendlichkeit. Solange nicht die letzte Konditionierung erkannt und in Erkenntnis veredelt wird, werde ich nie eine wirkliche Wahl haben.

 

Wenn wir unseren Bewusstseinsfokus auf die uns jetzt gegenwärtige Welt einengen, kann es nicht um "völlig frei" oder "völlig unfrei" gehen, allenfalls um unseren freien Anteil am Entscheidungsprozess. Ein solcher allein aber sollte bereits bewirken, dass wir unsere Verantwortung in jeder Lebenslage bewusster wahrnehmen. Letztlich geht es natürlich dennoch um "frei" oder "nicht frei" bzw. alle Konditionierungen, wobei meine Antwort zugunsten des ersteren ausfällt. Diese kann ich aber wieder nicht mit einem engen Satzlimit begründen. Tut mir wirklich leid! Einstein soll einmal gesagt haben: „Man mache alles so einfach wie möglich, jedoch nicht einfacher.“

 

 

Die Virtualität, die uns die Computertechnologie ermöglicht, stellt die konsequenteste Umsetzung unseres Grundbedürfnisses nach Unwirklichem dar, wie z. B. Rollenspiele, Träume, Phantasie.

 

So würde ich das nicht ausdrücken. Die Computervirtualität kommt vielmehr unserem Bedürfnis entgegen, Wirklichkeit selbst zu gestalten, etwas, das wir in diesem Umfang bisher nur im Traum oder der Phantasie konnten. Ja, sie ist ein Spiel und ein Testfeld für Realitätsentwürfe, aber auch für Erfahrungen, die wir physisch nicht machen können. Gleichzeitig testen wir Grenzen, vor allem Sinngrenzen, unserer Schöpferkraft aus.

 

 

Was bedeutet für Sie „Glück“?

 

Ich könnte sagen, Glück ist, wenn man im Sinne seiner Wertvorstellungen lebt. Oder: Glück ist die Einheit von Ideal und Material. Aber ohne tieferes Verständnis ist dies nur an der Oberfläche gekratzt und obendrein missverständlich. Der Glücksbegriff wird oft zu eng gefasst, zu einseitig auf das Körperliche bezogen, während wir uns doch praktisch über Körperchemie und optisch/akustische Eindrücke weit hinausgehend empfinden. Wir sollten deshalb dieses Empfinden erst einmal ernster nehmen, es aus der Erste-Person-Perspektive untersuchen, kurz gesagt: in uns gehen. Solange wir unsere geistige Welt als etwas Sekundäres betrachten, höhlen wir sie selbst aus und brauchen uns dann nicht zu wundern, wenn wir ein inniges Verständnis von Glück - oder das Glück selbst - vermissen.

 

 

Sehen Sie eine Chance oder eine Falle für das persönliche Glück in der virtuellen Wirklichkeit?

 

Chancen und Fallen. Wir rücken enger zusammen mit Leuten, die wir sonst nie kennen gelernt hätten. Aber wir können uns auch entfernen von denen, die uns sonst einen persönlichen Besuch oder ein Telefongespräch wert gewesen wären. Vor allem aber sollten wir - bei den vorhin genannten Chancen der Wirklichkeitserschaffung - nicht vergessen, dass wir auch unsere physische Realität selbst gestalten: langsamer und viel komplexer, aber auch mit wesentlich mehr Bedeutung und Verantwortung. Und wer möchte schon ein wirkliches Baby endgültig durch ein virtuelles ersetzen?

 

 

Die Grenzen zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten sind vor allem mit den quantenphysikalischen Entdeckungen aus den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts fließend geworden. Sie stellen aber für das Management unserer Existenz notwendige Grundmauern, innerhalb derer wir verstärkt an uns selber arbeiten sollten.

 

Da stimme ich Ihnen zu. Allerdings ist es wichtig, im Innersten zu erkennen, dass auch das Erkannte unser ureigenes Produkt ist. Dann erst können wir über die Beschäftigung mit uns selbst hinaus die Wirkung unserer Aktionen in der scheinbar unabhängigen Realität konsequent beurteilen.

 

 

Ihre Analyse mag richtig sein, aber eine Hilfe für die Lebenspraxis ergibt sich aus ihr so leicht nicht.

 

Das eben Gesagte ist die lebenspraktische Hilfe: Wir entscheiden frei, aber nur teilweise bewusst, und unsere Entscheidungen wirken sich in weit größerem Umfang aus, als wir gewöhnlich glauben. Deshalb haben wir auch die Chance, mehr zu verändern als die Materialisten uns und sich selbst zugestehen wollen. Diese Einsicht macht es erst möglich.

 

 

Thema Liebe: Ich frage mich, nach welchen Kriterien man seinen Partner auswählt und ob es überhaupt "einen" Traumpartner gibt. Bisher habe ich festgestellt: Mein Traumpartner muss meine positiven Eigenschaften besitzen und zugleich meine Defizite ausgleichen. Somit projiziere ich also meine Wunschvorstellungen auf meinen Partner. Er ist also "perfekt" und daraus entsteht Begierde. Aber wo bleibt dann die Freiheit?

 

Ich glaube nicht, dass wir das Thema Liebe so vereinfachen können, so mit positiven und negativen Eigenschaften. Nach meinem Empfinden bringt eine geliebte Person unsere eigenen besten Eigenschaften zum Vorschein. Wir fühlen uns so, wie wir gern sein wollen, ja vielleicht wird uns das jetzt erst bewusst. Die/der Geliebte ist nicht selbst so, wie wir sein möchten, sondern genau die Person, die unser eigenes Idealselbst anzieht und mit diesem eine neue Einheit eingeht. Da wir uns meist mehrmals im Leben verlieben, haben wir auch verschiedene Wahlmöglichkeiten für ein solches Idealverhältnis. Wahrscheinlich funktionieren nur wenige davon, aber sogar wenn es nur eine einzige Möglichkeit gäbe, könnten wir sie auch ablehnen.

Begierde wäre dann also die Sehnsucht nach jener neuen Einheit, und Projektion hier diejenige unseres eigenen Idealselbst - nicht auf den Partner, sondern gleichsam durch ihn hindurch. Dabei büßen wir niemals unsere Freiheit ein, es sei denn, wir lassen es zu. Aber würden wir nicht ziemlich unfrei handeln, wenn wir unser Bestes ablehnen?

 

 

Wie können wir sicher sein, dass unser Gegenüber uns richtig versteht, wenn wir etwas sagen? Die Wahrnehmung ist bei jedem anders. Und wenn dies so ist, dann lebt jeder in seiner eigenen Welt, nicht wahr?

 

Ihre Frage finde ich eine der interessantesten überhaupt. Aber wir können sie nicht beantworten, wenn wir uns als voneinander getrennte Individuen betrachten.

Genaugenommen kann keiner sehen, was der andere sieht. Schon rein mathematisch nicht, da er nicht denselben Blickwinkel hat - im engeren wie im weiteren Sinn. Wir müssen also aus den Reaktionen des anderen erschließen, ob er dasselbe sieht wie wir. Doch das ist ja im Grunde wieder das gleiche Problem: Vielleicht schließe ich ja nur, was für mich Gültigkeit hat? Wie kommen wir also dazu, zu fühlen, zu sehen und zu verstehen wie der andere als er selbst?

Hier sollten wir uns klar machen, dass wir selbst schon einen fast unendlich kleinen Moment später nicht mehr wir selbst sind. Die Idee der Informationsübermittlung ist demgegenüber sehr beschränkt. In Wirklichkeit wird ein Bewusstseinsfokus bewegt. Das heißt, wenn wir wissen wollen, wie der andere etwas versteht, müssen wir seinen Fokus einnehmen, wir müssen uns in ihn hineinversetzen.

Praktisch geht das nur mit der entsprechenden Offenheit und Unvoreingenommenheit. Doch es geschieht ja unterschwellig dauernd von allein. Sie brauchen nur darauf zu achten. Sie nehmen Ihre "Informationen" und verwenden sie als Tor zu einer anderen individuellen Wahrnehmung. Dann kommen Sie wieder zurück in eine gegenüber der ersten wiederum veränderte Individualität. Sonst könnten wir unser Handeln gar nicht aufeinander abstimmen. Aus dieser ständigen Bewegung wiederum konstruieren wir eine scheinbar statische "Näherungswirklichkeit" auf die wir uns "objektiv" beziehen. So bauen wir uns die Illusion einer objektiven Realität. Als Hilfskonstruktion mag sie oft ganz nützlich sein, doch sie verbaut auch viele Erkenntnisse, wenn wir sie für absolut nehmen. Die einzige Realität ist Bewegung! Bewusst oder unterbewusst.

 

 

Der Prozess, den Sie beschreiben, erinnert mich an den Begriff „Emotionale Intelligenz“. Jede unserer Entscheidungen sollte ein Zusammenspiel von Wissen und unterbewusstem Handeln, also unseren Emotionen sein.

 

Ja, Lösungen kommen nicht nur aus dem bewussten Teil des Bewusstseins, sondern ebenso aus dem unterbewussten, aus der „Außenwelt", von anderen Individuen oder dem, was manche unter „Gott“ verstehen. Und mit Sicherheit sind noch ganz andere Sinne beteiligt, wie tägliche „außersinnliche“ Ahnungen und unser Einfühlungsvermögen beweisen. Ganz zu schweigen von Träumen. Gerade diese Lösungen sind es ja, die scheinbar verfestigte Denk-Rückkoppelungen sprengen und neue Wirklichkeiten erschließen.

 

 

Es gibt eine Form des Bewusstseins, die keiner Sprache und keines Bildes bedarf. Dieses Wissen, dass z. B. etwas Bestimmtes geschehen wird, erlaubt keinen Zweifel, es wird quasi als Einheit empfunden - im Gegensatz zum normalen Wissen, das immer auch Zweifel beinhaltet, da jede Erkenntnis, die über den Verstand gewonnen wird, einen logischen Gedankengang und Fakten braucht. Mich würde interessieren wie Sie derartige "helle Momente" empfinden?

 

Das ist gar nicht so einfach. Zunächst sehe ich Intuition und Verstand nicht derart getrennt. Wir denken sozusagen intuitive Gedanken. Das heißt, intuitiv Erahntes ist nicht von Natur aus schon sicherer als Geschlussfolgertes. Manche Dinge, die ich auf die von Ihnen beschriebene Weise plötzlich weiß, treffen ein, andere von diesen hingegen kann ich, wenn ich sie mir rechtzeitig bewusst mache und ablehne, noch verändern. Die Intuition besagte dann nur, dass diese Dinge mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten würden.

Der Philosophie zufolge, die ich in meinem Buch begründe, erschaffen wir unsere Realität aus vielen Bewusstseinsebenen heraus selbst. Wir - als unendliche Bewusstseinshierarchie - entscheiden uns im Austausch mit allen anderen Individuen für die Ereignisse, die uns in unserem Wacherleben "begegnen". Je tiefer und umfassender die Entscheidungsebene, desto sicherer tritt das dort gewählte Ereignis ein. Je oberflächlicher, desto mehr Wahlmöglichkeiten haben wir hier, auf der uns jetzt bewussten Ebene.

Ob wir nun ein tiefer oder oberflächlicher gewähltes Ereignis ahnen, sollten wir gleich zu einer der Fragen machen, die wir unserem Unterbewussten stellen. So wird das Erahnte mit einem Wahrscheinlichkeitsfaktor versehen, der uns ein realistischeres Urteil erlaubt. Und vor allem beginnen wir dann zu spüren, inwiefern wir diesem Ereignis zugeneigt sind, ihm eigentlich schon zugestimmt haben oder ob wir ihm jetzt noch zustimmen wollen. Wir beginnen unsere Realität bewusster zu gestalten - auf magische Art.

 

 

Diese "hellen Momente" können spontan auftreten, oder sie treten in einem Zustand auf, der zwischen Schlaf und Wachsein liegt. Sobald dieses Erlebnis vorbei ist, ist man in seinem körperlichen Denken wieder gefangen. Zwar erinnert man sich daran, aber das Erlebnis selbst bleibt nicht wirklich fassbar.

 

Weil es mit unserem Verstand nicht vollständig begriffen werden kann, nicht in die Muster einer physisch orientierten Realität passt.

 

 

Ich glaube schon, dass man einen gewissen Einfluss nehmen kann, aber nicht in jeder Beziehung. Wir leben doch in einer Welt die organisiert ist. Wer gegen die Regeln verstößt, wird bestraft, wer das Ökosystem zerstört, verhungert. Entscheiden wirklich wir selbst? Oder glauben wir nur selbst zu entscheiden weil wir nur den richtigen Gedanken denken können?

 

Wenn Sie sich wieder Ihr unbegrenztes Wesen vergegenwärtigen: Kann es dann nicht sein, dass eben dieses Wesen sich auf bestimmte Umstände, Zentralereignisse und Gesetze freiwillig eingelassen hat? Um über Ihren einzigartigen Bewusstseinsfokus genau die Erfahrungen zu machen, die Sie haben? Dabei würde es Ihrer Kompetenz überlassen bleiben, in einem gewissen Rahmen selbst zu entscheiden - wieder um an Ihren Erfahrungen optimal teilhaben zu können. Denn wer könnte die Details des Alltags besser handhaben als ein Bewusstsein, das genau darauf spezialisiert ist?

 

 

Wäre ein freier Wille aller Individuen letzten Endes nicht Chaos?

 

Nur wenn wir absolut unabhängig voneinander entscheiden würden. Da wir aber alle sehr komplex miteinander verflochten sind - psychisch noch viel mehr als physisch - ist jede Entscheidung die Entscheidung aller Individuen zusammen.

Und auch wenn wir über freien Willen verfügen, können wir uns nicht selbst widersprechen. Wenn ich ein und dasselbe zugleich will und nicht will, was wird dann geschehen? Im Idealfall nichts. In der Regel das eine so und das andere anders, wonach wir dann eine selbsterzeugte Disharmonie zu bewältigen haben.

 

 

Eine kollektive Freiheit wäre aber eine individuelle Unfreiheit, da nicht jeder für sich, sondern nur alle im Konsens entscheiden könnten.

 

Ich höre da immer noch eine gewisse Trennung zwischen den Individuen und einem übergeordneten Ganzen heraus. Da liegt dann auch das Tier begraben.

Wenn alle Individuen miteinander verflochten sind, ohne scharfe Trennung, und sich daraus das Ganze ergibt, dann entscheiden alle gemeinsam im selben Moment. (Um das genau zu erklären bräuchte ich meinen Begriff der Infinitesimalstruktur.) So gesehen gibt es auch keine Trennung zwischen Bewusstsein und Unterbewusstsein, sondern höchstens eine Ausblendung des einen aus dem anderen. Daraus nun können Missverständnisse, gegensätzliche Entscheidungen und Disharmonie erwachsen. Das wäre also eine selbstgeschaffene Unfreiheit.

Die aber ist meist auch ein Segen - worin u. a. auch ihr Sinn liegt: Nur so können Sie Erfahrungen aus einem bestimmten Blickwinkel machen, aus einem speziellen Spiel lernen und so das größere Ganze bereichern.

Was andererseits würden wir machen, wenn wir, so wie wir unser Selbst und unsere Welt derzeit verstehen, über absolute Freiheit verfügten? Ich glaube, die allermeisten würden zunächst nichts lernen wollen, aber dann, wenn sie beginnen sich im Schlaraffenland zu langweilen, freiwillig eine interessantere Welt für sich schaffen - gar nicht unähnlich unserer jetzigen!

 

 

Ich war bis vor kurzem ein sehr rational denkender Mensch, dessen Weltbild mit einem Schlag zusammenzubrechen schien, als mir gewahr wurde, dass eigentlich alles determiniert, d. h. von irgendwelchen biochemischen Vorgängen vorgegeben ist. Wie stehen Sie dazu?

 

Wie in dem Artikel beschrieben, ist Bewusstsein selbst aus der Physik nicht wegzudenken. Die Deterministen unter den Biochemikern suchen lediglich ihren Glaubensvorstellungen entsprechende Erklärungen. Wenn sie glauben, dass alles auf molekulare Vorgänge zurückzuführen ist, dann werden sie Ihre Experimente danach ausrichten und deren Ergebnisse entsprechend deuten. Kommen sie damit zu einer halbwegs konsistenten Theorie, sind sie zufrieden, denn nun haben sie ihr Ziel erreicht. Dabei verdrängen sie, dass sie selbst ganz anders denken als in chemischen Reaktionen, dass sie ihre Gedanken und Empfindungen nur in solche Reaktionen umrechnen. Doch was dabei von den geistigen Vorgängen übrig bleibt, erklärt so gut wie nichts, allenfalls einige Begleiterscheinungen des Denkens. Niemand kann die Handlung des Teetrinkens durch chemische Reaktionen "erklären", er kann höchstens die dabei auftretenden chemischen Reaktionen beschreiben. Und dabei muss er von seinem Bewusstsein ausgehen, von dem was er empfindet, denkt und aus früherem Empfinden und Denken zu wissen meint. Ständig trifft er Entscheidungen, wie eine Erfahrung zu deuten sei.

Moleküle sind selbst nicht elementar, wie jeder Quantenphysiker weiß. Sie sind auch nicht fest, sondern eine Ansammlung von Wahrscheinlichkeitsfeldern. Und was Wahrscheinlichkeitsfelder eigentlich sind, weiß niemand. Die ihnen unterstellte absolute Zufälligkeit erklärt, wie gesagt, ebenso wenig.

Der Determinist bringt es also fertig, von seiner eigenen Entscheidungsfreiheit zu abstrahieren und sich für deren Nichtexistenz zu entscheiden. Das ist sein gutes Recht, aber begründet keineswegs die Allgemeingültigkeit dieser Entscheidung.

Ich finde es besser und angemessener, in mein eigenes Wesen hineinzuhorchen, auf die Tiefe und den Umfang der Empfindungen zu achten und mir selbst zu vertrauen. Denn aus dieser Bewusstseinstiefe nur wird das erschaffen, was ich erlebe. Jede Umkehrung dieses Satzes hängt letztlich in der Luft. Ganz abgesehen davon, dass ich so zu lebenspraktischen Erkenntnissen komme, die mir kein Biochemiker vermitteln kann.

 

 

Im Prinzip läuft wohl alles auf die Berechenbarkeit transfiniter Mengen hinaus bzw. auf die Bereitstellung eines Algorithmus dafür. Wahrscheinlich muss das Zufallsprinzip stärker einbezogen werden, da selbst heute verfügbare Rechner für so etwas viel zu langsam sind. Einige Informatiker arbeiten daran, so weit ich weiß.

 

Ich weiß nicht, ob eine vollständige mathematische Beschreibung der Infinitesimalstruktur möglich ist. Ich setze daher mehr auf ein intuitives Verständnis, das auch im Alltag weiterhilft; auf ein möglichst tiefes Verständnis, das die praktische Anwendung effektiver oder überhaupt erst möglich macht.

Das Zufallsprinzip innerhalb eines Algorithmus wäre – soweit ich das sehe – eine Simulation. Weniger weil der Algorithmus determiniert ist, sondern weil Entscheidungsfreiheit eben nicht auf Zufall beruht. Allenfalls zum Teil auf der Unvorhersagbarkeit der Entscheidungen anderer Bewusstseinsaspekte, die aber mit dem uns gerade bewussten Aspekt im Moment der Entscheidung eine - auch absolute - Einheit bilden.

Die Sache lässt sich also nicht auf einzelne Bifurkationen (Verzweigungen) reduzieren. Die Bifurkation ist vielmehr permanent, das Ganze eine einzige „Multifurkation“. Ob ein dies zulassender Computer zum Leben erwacht, wäre eine interessante Frage.

 

Claus Janew

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